Das Versprechen: „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“. Protokollband der Chemiekonferenz 1958 in Leuna
Meladur-Geschirr, aus dem thüringischen Betrieb Isopress Rottenbach, 1960er Jahre
Der Katalog des Centrum-Versandhauses bewirbt die plastifizierte Warenwelt aus Meladur, Polystyrol und Polyethylen als Ausdruck einer modernen Lebensweise.

Alles aus Plaste. Versprechen und Gebrauch in der DDR

20.5.2012 - 31.12.2013

Ausstellungskatalog

Kunststoffe, in der DDR „Plaste“ genannt, gehören heute selbstverständlich in unseren Alltag, alles wird bevölkert von synthetischen Kleinigkeiten. Der Geschmack des Beiläufigen haftet ihnen an. Je besser sie funktionieren, desto weniger werden sie bemerkt.

In der DDR wurde aus den „Ersatzstoffen“ der Kriegs- und Nachkriegszeit ein Material der Träume, das eine Modernisierung unter sozialistischen Vorzeichen versprach. Auf der Chemiekonferenz von 1958 in Leuna wurde unter dem Motto „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“ der umfangreiche Ausbau der chemischen Industrie angekündigt: der Ausbau der Kunststoff- und Kunstfaserproduktion und die Umstellung von Karbid- auf die preisgünstigere und ressourcensparende erdölbasierte Chemie. Dazu wurde im selben Jahr der Bau einer über 5000 Kilometer langen Erdölpipeline von der Sowjetunion bis nach Schwedt vereinbart.

Auf die programmatische Einführung der Kunststoffe folgte die materielle Umwälzung in den privaten Haushalten. Frühe Kunststoffe wie Bakelit, PVC und die halbsynthetischen Werkstoffe Celluloid, Vulkanfiber und Kunsthorn wurden zunehmend durch die moderneren und vor allem farbigen Thermoplaste Polystyrol, Polyethylen und Polypropylen verdrängt. Die Ankunft der Plaste im Alltag brachte für die Konsumenten neue Produkte und neue Alltagsroutinen mit sich, aber auch die Gewöhnung und Enttäuschung über die uniforme Massenware.

Zwischen 1958 und 1960 widmeten sich Designer der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle – Burg Giebichenstein der Entwicklung von Gebrauchsgütern aus den neuen Werkstoffen. Auf diese Weise entstanden Gebrauchsartikel für den Haushalt und die kollektive Versorgung. Vom Entwurf über die Herstellung, den Gebrauch bis zur Entsorgung durchlaufen Kunststoffartikel einen eigenen Lebenslauf.

Hergestellt wurden Kunststoffartikel in über 800 plastverarbeitenden Betrieben, darunter vielen Privatbetrieben. In Folge des Chemieprogramms wurde die plastverarbeitende Industrie durch umfangreiche Investitionen modernisiert, es entstanden auch Neugründungen wie etwa in Schwerin und Staaken. Die Verstaatlichungswelle von 1972 setzte der privaten Plastindustrie in der DDR dann ein jähes Ende. Nach dem Ende der DDR gelang einigen Betrieben durch Reprivatisierung oder die Übername durch Investoren ein Neubeginn.

Die Vorstellung eines flächendeckend plastifizierten Landes prägt noch heute unseren Blick auf den Alltag der DDR, und sie erscheint angesichts der Produktwelt aus Plast durchaus gerechtfertigt.

Die Ausstellung fragt nach dem innovativen Potential der Kunststoffe, dem durch sie ausgelösten materiellen Wandel der Warenwelt, nach ihrer politisch gewünschten Aufwertung und Verbreitung im Alltag sowie den vielen Produzenten, die unter den Bedingungen der Planwirtschaft Kunststoffe verarbeiteten. Sie rückt die Materialität der Dingwelt in den Fokus und macht die Vielfalt der Plastikwelt sichtbar.